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Krusnoton: Rennbericht von der roten Laterne

von , 19. August 2012


Nun, in einem Anfall maßloser Selbstüberschätzung wollte auch ich nun meinen ersten "richtigen" Radmarathon bestreiten.

Wie kommt man auf so etwas?  Bei irgendeiner Routine- Googelei  ging diese „Krusnoton.cz“-Seite auf. Wahnsinn! Ich war begeistert davon, das man wegen eines Ötztaler`s (zumindest was die Daten der langen Strecke betrifft) nicht über 10 Stunden bis in die Alpen fahren muss, sondern dass ich das auch ´ne gute Stunde von mir zu Hause haben kann, nur eben auf der anderen Seite des Gebirges (die ich zugegebener Maßen bisher überhaupt nicht kannte).  Hinterm Horizont geht es also doch noch weiter! Das sollte doch ein Versuch wert sein.

Die Anreise erfolgte schon am Freitag Abend ganz bürgerlich per PKW via Zinnwald auf der Straße Nr. 8 nach Teplice. Ein Schlechtes Gewissen hatte ich dabei nicht, denn die Strafe ereilte mich tags darauf,  indem ich diesen Weg in der anderen Richtung wieder herauf radeln durfte. Die Übergabe der Startunterlagen und die Zuweisung des Schlafplatzes erfolgten völlig unkompliziert, auch noch nach 21:00 Uhr, da eines der netten Mädchen sehr gut deutsch sprach und auch noch kein so großer Andrang herrschte. Der  Schlafplatz in der Turnhalle lies Erinnerungen an alte Orientierungslaufzeiten in den Siebzigern aufkommen, nur die heutige Flächenauslastung kam bei weitem nicht daran heran. Wir waren also nur 5 oder 6 Leute in der Riesenhalle. Die Tschechen leisteten sich wohl eine Hotelunterkunft, denn im Radkeller waren doch einige Maschinen mehr untergestellt, oder sie schliefen einfach nur draußen unter den EU-Rettungsschirm.

Morgens gegen halb 6 war dann erstes Gewusel angesagt, da wollten wohl wirklich schon welche 7:00 Uhr am Start stehen - die ganz Harten also. Der Blick aus dem Fenster verhieß nichts Gutes - der Himmel wolkenverhangen und Regen. Wie das ausgehen kann sieht man auf der Bildergalerie dieser Veranstaltung von 2011. Unter diesem Eindruck sofort wieder hinlegen!

Irgendwann wurde dann doch aufgestanden, kurzes Frühstück, der Supermarkt ist gleich um die Ecke. So, nun füllte sich auch der Parkplatz und die Startnummernausgabe zusehends. Der Himmel hellte sich zwischenzeitlich auch auf. Es wurde trocken, scheinbar alles Bestens.

Die Streckenwahl war getroffen, 170 sollten es also werden, der eingangs erwähnte "Anfall" hielt also noch an. Drei Gründe zur Befürwortung des Unternehmens:

- die Auffahrt zum Mücken-Türmchen, die ich unbedingt absolvieren wollte, war in der "kleinen" Runde nicht dabei.

- die Option nach drei Erzgebirgsanstiegen auf die 110er-Strecke einbiegen zu können um mit DNF in der Ergebnisliste "nach Hause" zu fahren (hat den Vorteil, dass man in der Ergebnisliste nicht lange suchen muss, diesen Vorteil kann man aber auch so erzielen - wie sich weiter unten zeigen wird)

- und die Möglichkeit zwei Gebirge in einer (Tages-)Tour zu befahren (Erzgebirge und Böhmisches Mittelgebirge), wer von den ganzen Alpenmarathon-Fahren kann das schon von sich behaupten!

Dagegen sprach allerdings der schlechte Trainingszustand, der jedoch durch gut angelegte Energiespeicher in Form von Bauchfett wettgemacht werden sollte.

START!
Der erste giftige Anstieg war noch im Stadtgebiet: "... die spinnen, die Tschechen!". Mein Vorhaben, mich mit leistungsstimulierenden Blicken auf die Hinterteile der "Tschechen-Mädels" zu motivieren, funktionierte auch nur bis Kilometer 20, dann bog der ganze Schwarm ab, auf die "Damenrunde".  Ab da an hieß es: "Jürgen - Allein im Wald". Das befürchtete Einzelzeitfahren auf der Erzgebirgs-Achterbahn nahm also seinen Lauf.  Als "Opener" also gleich hoch nach Horni Krupka , da dachte ich noch , das sei die "Schlüsselstelle", wer da hoch kommt, der schafft auch den "Rest". Erfrischend dabei auch der tschechische Humor - da wird gleich mal "15%" auf den Straßenbelag gesprüht und für die, die nicht (oder dort schon nicht mehr) lesen können, eine grässliche Monster-Fratze als selbsterklärendes  "Piktogramm" dazu. Eigentlich wollte ich es fotografieren, aber Lenker-Loslassen ging  an der Stelle wirklich nicht. Die Abfahrt auf einem schmalen Wirtschaftsweg durch den Wald dagegen, war schon ein besonderer Adrenalin-Kick. Da war ein 1-Mann-Feld sicherlich von Vorteil. Dieses Teilstück musste wohl wegen kurzfristiger Streckenänderung bedient werden.


An dieser Stelle auch gleich ein Lob für die Streckenmarkierung und vor allem für die Streckenabsicherung. Da die Veranstaltung ja bei laufendem Straßenverkehr durchgeführt wurde, waren alle Kreuzungen, Abzweigungen usw. von Streckenposten gesichert, welche den motorisierten Verkehr stoppten, sobald sich die Rennteilnehmer näherten.

Der zweite Anstieg erfolgte dann auf der oben erwähnten Straße Nr. 8 nach Cinovec, einigermaßen unspektakulär.  Willkommen dagegen war das erste "BUFET". Folgend eine Art "Kammweg" mit entsprechenden "Auf und AB" und "Aussicht". Dann wieder abwärts, diesmal auf  "richtigen" Straßen. Das ist also der Lohn für die "Kraxelei". 

Was dann folgte, war Anstieg Nummer 3. Irgendwie hatte ich diesem beim morgendlichem Kartenstudium keine allzu große Bedeutung beigemessen, wie sich zeigen wird - ein Fehler. Vielleicht nicht ganz so steil, aber in Anbetracht der bereits absolvierten Strecke - gefühlte doppelte Länge.  Noch dazu, dass mich dort zwei Grüppchen der 240er überholten, an denen ich an meinem ersten bzw. zweiten Anstieg noch vorbeigefahren bin (was dort zu einem kurzzeitigen Stimmungshoch bei mir geführt hatte). Das erste Pärchen kam mit enormen Geschwindigkeitsüberschuss und ward nie wieder gesehen. An der folgenden Dreiergruppe konnte ich dann noch bis 500m vor der Kuppe dran bleiben, dann war der Akku leer. Apropos Akku - einer der drei hatte eine elektronische Di2 am Rad. Vielleich war das Kabel am Schaltwerk nur Attrappe und der Strom floss ganz wo anders hin? Müssen wir mal den Cancellara fragen.... Nach der Kuppe eine kurze verführerische Abfahrt und dann eine unerwartete Rampe hoch zum BUFET, das einem erstmal der Hunger verging.

Hier habe ich dann das erste mal auf die Uhr und den Kilometerzähler geschaut um zu kalkulieren, ob im Tal auf die 110er abgebogen wird oder ob ich die Sache würdig zu Ende bringe. Es waren noch 4 Stunden Zeit bis zum Zielschluss, ... und kalkulieren ist in diesem Zustand sowieso nicht mehr das richtige Wort. Also, Gas geben!

Die Abfahrt machte wieder Spaß, obwohl  "erholsam" ist das auch nicht, sich bei Vmax am Lenker festzubeißen und sich auf den Kurvenverlauf zu konzentrieren. Was nun folgte, war eine längere "Flachetappe" mit so etwas Ähnlichem wie Rückenwind.  Dann aber schaukelte sich das ganze langsam wieder hoch bis zum letzten BUFET. Wenn ich schon nicht gewinne, dann wird wenigstens ordentlich reingehauen. Bezahlt ist bezahlt. Das habe ich vor 30 Jahren beim Rennsteiglauf auch schon so gehalten. Damals musste man ja für Bananen und Apfelsinen auch sonst ziemlich weit laufen.

Und wenn man allein kommt, gibt es auch einen Sitzplatz!

Es sollten jetzt noch zwei "Hügel" folgen. Ab hier setzte der Lernprozess ein. Bis dahin wusste ich gar nicht, dass es einen Besenwagen wirklich gibt!  Das muss man nicht haben. Ständig dieses bedrohlich näherkommende Dieselgetucker im Rücken. Der Fahrer sammelte so nebenbei alle Schilder und Markierungen ein, aber er kam wieder... und immer wieder! Kurz vorm Nervenzusammenbruch bin ich dann mal rechts raus gefahren, um so zu tun, als ob ich mir die Weste ausziehen wollte. Glücklicherweise fuhr er weiter, also erst einmal durchschnaufen und weiter ging es. Besser sogar - ohne Druck von hinten. Aber zu früh gefreut, ein paar Kreuzungen weiter wartete er schon und "schob" mich auch noch den letzten Hügel hinauf. Nun gut, wenigstens bergab bis zum Ziel hatte ich dann noch "freie" Fahrt. Als ich auf die "Zielgerade" einbog wurden gerade die Absperrgitter abgebaut, der Zielbogen hing auch nur noch ziemlich schlaff da, im Gegensatz zu mir, der hier eigentlich unter dem Jubel der Massen nochmal zum Sprint ansetzen wollte.  Wenigstens die Uhr lief noch. Und sie lief auch für mich noch weiter, weil ich nämlich aufgrund der "(Ab-) Baumaßnahmen" im Zielbereich erst einmal an der Matte vorbeigefahren bin.

Die obligatorische Finisher-Suppe gab es dann auch noch, allerding nicht mehr sehr heiß, wer aber darauf Wert legt, muss eben schneller fahren! Frisch geduscht ging es dann die heute schon oft erwähnte Straße Nr. 8 mittels PKW wieder hinauf, kurz vor der Grenze noch mal die Energiespeicher aufgefüllt (bei einem wurde das verbrauchte Cola-Bananen-Gemisch durch das von Knödeln und Schweinebraten erneuert und der andere wurde mit Natural 95 gespeist) und ab nach Hause.

Fazit:
Den gesundheitssportlichen Effekt lassen wir hier mal außen vor, es gibt momentan kein Körperteil, welches nicht weh tut.

Als Bildungsreise wird es auch nicht durchgehen, es sei denn, man bildet sich etwas drauf ein, es geschafft zu haben.

Am besten trifft es wahrscheinlich der Kommentar meiner Frau: "TYPISCH MANN!"

Dem wäre eigentlich nichts hinzuzufügen, außer:

Es ist nicht ausgeschlossen, dass man mich hier wieder sieht, ein bisschen leichter, ein bisschen trainierter - dann klappt`s auch mit dem Nachbar(-lands-Maratho)n!

Mit sportlichem Gruß

Die Rote Laterne Achershain